Forschung

Zur Untersuchung des Generalthemas des Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz, der Erforschung der vielfältigen kulturellen Transfer-, Austausch- und Rezeptionsprozesse von der Antike bis in die Neuzeit und gleichzeitig von Europa in den Orient, die von Byzanz ausgingen oder an denen Byzanz beteiligt war, ist das Forschungsfeld durch drei thematische Säulen strukturiert, die zum einen diachrone (Säule A „Kulturwandel und Kulturkontinuität“ sowie C „Wirkung und Rezeption“) und zum anderen synchrone Aspekte (Säule B „Kulturkontakt und Kulturtransfer“) aufgreifen. Hinzu tritt ein Grundlagen- und Querschnittsbereich (D).

Allen Säulen sind dabei konkrete Leitfragen gemeinsam: auf welchen Wegen und über welche Medien wurde Kontakt hergestellt und auf welchen Gebieten kulturellen Wissens in welcher Form und in welcher Richtung fand Austausch zu bestimmten Zeiten statt? Wie wurden ältere Konzepte, Strukturen und Vorstellungen aufgegriffen, umgeformt und für neue Zwecke instrumentalisiert? Ein angestrebtes Ergebnis der Forschung in den Säulen ist auf lange Sicht die Erarbeitung einer Typologie des Kontakts und Austauschs von Byzanz zu den Anderen in diachroner Sicht, die zugleich auf mehreren synchronen Querschnitten beruht.

Die Forschungsprojekte werden einerseits in größeren Themenschwerpunkten (TSP) zusammengeführt, andererseits wird diese thematisch fokussierte Forschung durch weitere Arbeitsgruppen und Einzelprojekte ergänzt.

A. Kulturwandel und Kulturkontinuität

Das Byzantinische, d.h. Oströmische Reich stellt die nahtlose Fortsetzung des Römischen Reichs dar. Dies spiegelt sich nicht zuletzt darin, dass die byzantinischen Kaiser sich bis zum 15. Jh. als Römer bezeichneten. Eines der wesentlichen Charakteristika des Byzantinischen Reichs und seiner Kultur ist die kontinuierliche Wandlung von der antiken, spätrömischen hin zu einer mittelalterlichen Kultur und Gesellschaft. Zentrale Aspekte dieses Wandlungsprozesses sind die Fortführung, Umformung aber auch der Bruch mit dem Vermächtnis der griechisch-römischen Antike. Besonders relevant war dabei die Fortführung antiker Strukturen und Vorstellungen in einem neuen vom Christentum geprägten Staat. Charakteristisch ist die Verbindung von gegensätzlichen bzw. scheinbar unverträglichen Formen zu einer einzigartigen Kultur, die trotz ihres tief christlichen Charakters in mehreren kulturellen Bereichen das antike Erbe erkennen lässt. Eine Reihe von "Renaissancen" belegt die ständige Auseinandersetzung der byzantinischen Kultur mit der Antike. Durch Byzanz wurde das antike Erbe verwaltet und für Europa aufbewahrt, was zu den wichtigsten Beiträgen dieser Kultur im europäischen Kontext zählt. Im Fokus der Projekte dieser Säule stehen eben diese unterschiedlichen Ausdrucksformen des Dialogs mit der Antike wie auch des kulturellen Wandels in den Regionen des Byzantinischen Reiches und seiner Randgebiete.
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B. Kulturkontakte und Kulturtransfer

Die Projekte dieser Säule nehmen die verschiedenen Formen des Kontaktes, des Austausches und der wechselseitigen Beeinflussung des Byzantinischen Reiches und seiner Gesellschaft mit den benachbarten Ländern und Regionen in den Blick.
Die byzantinische Kultur war Maßstab, Orientierungspunkt und Vorbild für den größten Teil Europas für beinahe eintausend Jahre. Die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, Konstantinopel, strahlte als größte Stadt des euromediterranen Raumes und bedeutendstes Handelszentrum weit nach Westeuropa, den slawisch geprägten Nordosten, aber auch in die islamische Welt aus. Dabei war die byzantinische Kultur jedoch keineswegs statisch, sondern entwickelte und veränderte sich über die Jahrhunderte, nicht zuletzt da Byzanz seinerseits starken äußeren Einflüssen und Migrationsbewegungen ausgesetzt war. So ist das Reich aufgrund seiner geographischen Transitlage als regelrechter Schmelztiegel der Kulturen und Sprachen zu bezeichnen. Der Kulturaustausch zwischen der islamischen Welt und Europa wurde beispielsweise maßgeblich über Byzanz vermittelt. Noch stärker war der byzantinische Einfluss auf die slawischen Regionen wie die bulgarischen und serbischen Herrschaftsgebiete oder die Kiewer Rus, während in spätbyzantinischer Zeit aufgrund der Expansion westlicher Mächte in das östliche Mittelmeer der lateinische Einfluss auf Byzanz zunahm, trugen die verstärkten Kontakte ist in dieser Zeit auch zu einer zunehmenden Byzanz-Rezeption im Westen bei. Byzanz spielte so bei der Entstehung der Renaissance im Westen eine wesentliche Rolle.
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C. Wirkung und Rezeption

Die in der Säule B untersuchte Wirkung byzantinischer Kultur setzte sich auch nach dem machtpolitischen Untergang des Byzantinischen Reiches fort. Die Formen kultureller Präsenz, Wirkung und Rezeption byzantinischer Vorgänge, Personen, Modelle sind in Europa seit dem 16. bis ins 20. Jahrhundert hinein vielfältig und nuanciert. In dieser Hinsicht, setzen sich die Projekte dieser Säule mit der komplexen Rezeptionsgeschichte byzantinischer Topoi auf der europäischen Ebene auseinander, sei es in der lateinisch-westlichen oder slawisch-östlichen Welt. Insbesondere interessiert hier die kulturelle Entfaltung, Verflechtung, Aufarbeitung und (strategische) Einsetzung byzantinischer Topoi in den religiös-politischen Ordnungsentwürfen nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453, in den (historiographischen) Diskursen der Moderne und in der (politischen) Rekonstruktion der Geschichte. Die Präsenz des Bildes von ‚Byzanz‘ im europäischen Bewusstsein nach 1453 eröffnet aufgrund ihrer Komplexität und Nachhaltigkeit immer neue Forschungswege, -fragen und -perspektiven, die nicht zuletzt für aktuelle Debatten, Konjunkturen und Ereignisse in Europa von höchster Relevanz bleiben.
Die Projekte dieser Säule fragen in einem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz nach Ausprägung, Medien und Einsetzung von Diskursen, die um byzantinische Vorbilder herum entstehen. Dabei gilt es zu verstehen, ob es hermeneutische Muster gibt, nach welchen Sachverhalte der Rezeption und Rekonstruktion byzantinischer Vergangenheit in der nahen Vergangenheit und der Gegenwart aktiviert und verwendet werden, um politische, kulturelle und religiöse statements zu treffen.
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D. Grundlagen / Querschnittsbereich

Die Vorhaben in diesem Bereich dienen drei Zwecken: 1. Erarbeitung von Grundlagen, Hilfsmitteln und Materialvorlagen für weiterführende Forschungen, 2. Verbindung der Projekte der drei thematischen Säulen auf technischer oder inhaltlicher Ebene. 3. Aufbereitung und Vermittlung von Wissen für eine interessierte Öffentlichkeit.
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Philippi, Basilika A (Foto B. Fourlas)