"Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren". Die Personifizierung des Meeres in der byzantinischen Freskenmalerei Kretas

Ein Vortrag von Dr. Michail Chatzidakis (Berlin).

Die Visualisierung von Naturkonzepten und -Elementen in Form von individuellen Erscheinungsbildern (man denke etwa an die Fülle von Meereswesen) zeugt vom nachhaltigen Bedürfnis der Menschen im antiken Griechenland ihrem Naturgefühl in seiner Beziehung zur Kunst Ausdruck zu verleihen. Solche in menschlicher Gestalt gebannten Personifikationen der Natur wurden durch die ununterbrochene Vermittlung des Hellenismus und der römischen Kunst auch in den folgenden Perioden weitertradiert.

In der byzantinischen Kunst liefert der Pariser Psalter mit seinem Formenschatz an allegorischen Figuren ein renommiertes Bindeglied aus mittelbyzantinischer Zeit. Ein dem eschatologisch-apokalyptischen Themenbereich der byzantinischen Ikonographie entstammendes, relevantes Motiv ist die Darstellung des personifizierten, die Toten herausgebenden Meeres in Bildern des Jüngsten Gerichts als Illustration des Passus im 20. Kap. der Apokalypse des Johannes: "Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren...".

Während die Textstelle in den abendländischen bildlichen Wiedergaben des Jüngsten Gerichts unberücksichtigt blieb, gelangte sie in entsprechenden Darstellungen byzantinischer Kunsttradition vom 11. Jh. an zur vollen Ausprägung. Ausgehend von Freskenmalereien in kretischen Kirchen, wo die personifizierte "Thalassa" in einer erstaunlich hohen Trefferquote begegnet, wird dem Motiv der phantastisch reizenden Meerespersonifikation, dessen antiken Ursprünge, dessen eigentümlichen ikonographischen Ausprägung und dessen Transformationen nachgegangen.

Personifizierung des Meeres, Fresko, Kapelle des Erzengels Michail bei Archanes, Kreta, um 1315.

Personifizierung des Meeres, Fresko, Kapelle des Erzengels Michail bei Archanes, Kreta, um 1315.

25. June 2019, 06:15 PM

Georg-Forster-Gebäude
Jakob-Welder-Weg 12
55128 Mainz

Der Vortrag findet im Hörsaal 02-521 statt.