Das byzantinische Erbe der Serben. Rezeption, Nutzung und Adaption byzantinisch-orthodoxer Paradigmen im 19. Jahrhundert

Dieses Promotionsprojekt untersucht die Bedeutung  des byzantinisch-orthodoxen Erbes für die Nationalbewegung der Serben im 19. Jahrhundert, genauer gesagt zwischen 1804 als Jahr des Beginns der serbischen Aufstände bis zum Vollzug und Feier des endgültigen Wechsels von der Dynastie der Obrenović zu der der Karađorđević 1903/1904. Zum einen wird betrachte ich das eigene Auftreten der in der Tradition der byzantinischen Orthodoxie stehenden Kirche samt ihrer Vertreter auf der gesellschaftlichen Bühne Serbiens – insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis zwischen und die Vereinbarkeit von Kirche und aufkeimenden nationalstaatlichen Strukturen. Zum anderen soll der Einfluss der orthodoxen Konfession samt ihrer byzantinischen Dogmatik sowie allgemeine Elemente des byzantinischen Erbes auf politisch-soziale Akteure erfasst werden.

Eine materielle Grundlage dieser Untersuchung sollen zeitgenössische historiographische Werke aus kirchlicher und säkularer Produktion bilden, die einen ersten Eindruck vom Umgang mit dem byzantinischen Erbe innerhalb der Beschäftigung mit Geschichte geben können. Desweiteren werden Verfassungstexte sowie Zeitungsartikel ausgewertet. Somit soll die Fokussierung auf den Bereich Kirche als Institution das Untersuchungsfeld öffnen für die Analyse weiterer von ihr stark abhängiger Bereiche auf politischer, sozialer und kultureller Ebene.

Im Fokus der Untersuchung stehen damit „nation-builder“, klerikale und säkulare Akteure der schmalen Schicht der serbischen Bildungs- und Funktionselite, die zur Inszenierung und Legitimierung von Herrschaft, zur Festigung der eigenen Identität, sowie zur Rechtfertigung bestimmter politischer Strategien situativ und kontextuell bedingt auf das byzantinische Erbe zugreifen und sich damit auseinandersetzen. Als ständiger Prozess der Konstruktion und Dekonstruktion von „Altertum“ und „mythischer Urgeschichte“ stellt diese Rezeption und Nutzung einen dynamischen „Akt des Bauens“ dar, der in die jeweilige Epoche, das jeweilige Territorium und die jeweilige Gemeinschaft eingebettet ist und von ihr beeinflusst wird. Er folgt stets den vorgenannten Interessen individuell oder kollektiv Handelnder, die ihrerseits auf ein bestimmtes Publikum zielen. Beide, die Handelnden und ihr Adressatenkreis, sind genau zu benennen, um ein Verständnis für Auswahl und Zweck der eingesetzten Elemente des byzantinischen Erbes zu erhalten.

Wer setzt sich also zur Definition einer nationalen Identität mit der byzantinischen Vergangenheit und der daraus hervorgegangenen religiösen Identität auseinander? Welche Elemente des Byzantinisch-Orthodoxen Erbes werden als neues Strukturangebot dauerhaft übernommen, welche selektiert? Kommt es zu einer bewussten Segregation im Zuge einer Alteritätsdebatte der intellektuellen Elite um die Konstitution und Konstruktion der eigenen Identität innerhalb einer ‚internen‘ Aushandlung einer beispielsweise serbischen Identität in Auseinandersetzung mit dem byzantinischen Erbe und der Orthodoxen Kirche?

Der geographische Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei zum einen auf der im Norden liegenden, ab 1848 offiziell als serbische Vojvodina bezeichneten „Kolonie“ von im 17. und 18. Jahrhundert emigrierter Serben auf habsburgischen Boden; zum anderen auf den durch Save, Donau und die slawonische Militärgrenze getrennten osmanischen Pašalik Belgrad als Keimzelle des serbischen Nationalstaates und „Mutterland“ der Habsburgserben. Daher wird auch innerhalb der abgesteckten thematischen Grenzen der transliminale und zugleich intranationale Kulturtransfer zwischen Vojvodina und „Serbien“ – der natürlich in beide Richtungen verläuft, wenn er auch zu Beginn vermutlich ein starkes Nord-Süd-Gefälle aufweist – eine wichtige Rolle bei der Untersuchung spielen.

Betreuung der Dissertation: Prof. Dr. Hans-Christian Maner, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Förderung

Promotionsstipendium des Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz


Publications

  • A. Gietzen, Bad Byzantines: A Historical Narrative in the Liberal Conception of Vladimir Jovanović, in: A. Alshanskaya, A. Gietzen, C. Hadjiafxenti (eds), Imagining Byzantium. Perceptions, Patterns, Problems, BOO 11 (Mainz 2018) 101-108. 
  • M. Matheus / K. Reihl / A. Gietzen / M. Salzmann, Religiöse Kontakte in Europa. Byzanz, der Westen und die slavische Welt, in: Antike Welt 4 (2018) 17-23. 
links: Leopold von Ranke: Die serbische Revolution. Aus Papieren und Mittheilungen (Abb.: A. Gietzen / Ranke Hamburg 1829, S. 260). Rechts: Felix Philipp Kanitz: Serbiens Byzantinische Monumente (Abb.: A. Gietzen / Kanitz, Wien 1862, S. 31).

links: Leopold von Ranke: Die serbische Revolution. Aus Papieren und Mittheilungen (Abb.: A. Gietzen / Ranke Hamburg 1829, S. 260). Rechts: Felix Philipp Kanitz: Serbiens Byzantinische Monumente (Abb.: A. Gietzen / Kanitz, Wien 1862, S. 31).

Head

Univ.-Prof. Dr. Hans-Christian Maner

Investigator

Andreas Gietzen M.A.

Area
C. Wirkung und Rezeption