Potentiale einer Objektbiographie: Der hochmittelalterliche Silberkasten im Trierer Domschatz

Ausgangspunkt der Studie ist ein singulärer, rund 4,5 kg schwerer Silberkasten mit qualitätvollem Dekor in Filigran und Granulation, dessen Objektbiographie enormes Forschungspotential birgt. Das ursprünglich profane Luxusobjekt, das lange als byzantinisch galt, gehört zum ältesten Bestand des Trierer Domschatzes (erste Erwähnung 1429). Dort diente der Silberkasten als Reliquiar, zeitweise auch für die Gebeine der Domstifterin, der Heiligen Helena, Mutter Kaiser Konstantins d. Gr. (306-337).

Die Forschung schenkte dem hochrangigen Werk nur am Rande Beachtung, kam jedoch zu Diagnosen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Vorschläge für die Datierung reichen vom 11. bis zum 15. Jh., zur Herkunft von Byzanz bis an die Wolga, von Spanien über Nordafrika bis Russland, von Deutschland bis Syrien. In Ermangelung von Inschriften und ikonographisch deutbaren bzw. datierbaren Szenen wur­den Einordnungen v. a. an Detailformen festgemacht, während eine umfassende Objektforschung bislang ausblieb. Die Studie soll diese Forschungslücke schließen und verfolgt dabei einen interdisziplinären Ansatz im Sinne der „Technischen Kunstgeschichte“, der Verknüpfung kunsthistorischer/historischer mit materialwissenschaftlichen/goldschmiedetechnischen Untersuchungen. Für letztere wurde eigens eine Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz RGZM etabliert. Objektforschung und kunsttheoretische Ansätze werden durch die Methode der Objektbiographie verklammert.

Meine Forschungen ergaben, dass der Trierer Silberkasten im normannisch-staufischen Sizilien (2. Hälfte 12. Jh./Anf. 13. Jh.) entstanden sein wird, wo in den Hofwerkstätten Palermos (Nobiles Officinae) Luxusobjekte höchster Qualität aus Seide, Edelsteinen, Perlen und Edelmetallen gefertigt wurden. Edelmetall-Kästen wie dieser (einzig erhaltene) dürften für die zahlreich überlieferten „siculo-arabischen“ Elfenbeinkästen vorbildhaft gewesen sein, wie Detailvergleiche nahelegen. Somit kann auf eine bisher unbekannte Art von mittelalterlichen Luxusobjekten rückgeschlossen werden, deren übrige Vertreter nicht auf uns gekommen sind.

Mit der im Sinne einer „symbolischen Kommunikation“ zu verstehenden Ornamentik waren solche Objekte jedoch in vielen Regionen unterschiedlicher politisch-religiöser Prägung „verständlich“, wodurch sich die kontroverse Forschungsgeschichte erklären lässt. Damit eröffnen sich neue Perspektiven für die Erforschung der komplexen Prozesse und Dynamiken transkultureller Verflechtungen zwischen Europa, dem Mittelmeerraum, Russland und der Goldenen Horde, auch in Bezug auf Technik- und Wissenstransfer.

Im Sinne der Objektbiographie wird auch das Itinerar des Silberkastens von Sizilien nach Trier untersucht. Angesichts der Staufertreue des Trierer Erzbischofs im Deutschen Thronstreit zwischen dem Staufer Friedrich II. und dem Welfen Otto IV. an der Wende des 12./13. Jhs. wird der Silberkasten als Geschenk des siegreichen Staufers an den Erzbischof sinnträchtig, v. a. vor dem Hintergrund der ausgeprägten staufischen Geschenkepraxis. Im Trierer Domschatz wurde der profane Luxusgegenstand als Reliquiar eingesetzt, später dann – der Reliquien enthoben – zum musealen Gegenstand und heute zum interdisziplinären Forschungsobjekt.

Mit der Erforschung dieses stauferzeitlichen Meisterwerks und dem Narrativ der Objektbiographie eröffnen sich auch neue Perspektiven für die Material Culture Studies und die Technische Kunstgeschichte, überdies für die Erforschung der mittelalterlichen Goldschmiedekunst, Profan-, Luxus-, Elitenkultur, Ornamentik, Schatzkunst und Schatzbildungsprozesse sowie Rezeptionsgeschichte und -ästhetik.

Förderung:

Gerda Henkel-Stiftung


Silberkasten im Trierer Domschatz (Foto: Sabine Steidl/RGZM)

Silberkasten im Trierer Domschatz (Foto: Sabine Steidl/RGZM)

Silberkasten im Trierer Domschatz (Foto: Sabine Steidl/RGZM)

Silberkasten im Trierer Domschatz (Foto: Sabine Steidl/RGZM)

Head

Dr. Antje Bosselmann-Ruickbie