Byzanz an frühneuzeitlichen Höfen. Rezeptionen, Konfrontationen und Projekte

Byzanz war an frühneuzeitlichen Höfen in unterschiedlicher Weise präsent. Für die Herrschaftsrepräsentation bot nicht nur die hohe Kaiserzeit Anknüpfungspunkte, sondern auch die Spätantike bzw. die frühbyzantinische Zeit, also die Epoche der christlichen Kaiser, auf deren Vorbild sich frühneuzeitliche Herrscher berufen konnten. Frauen wie die heilige Kaiserinmutter Helena boten auch Fürstinnen Anknüpfungspunkte, wie sich gut bei der Gründung des Sternkreuzordens durch die damalige Kaiserinmutter Eleonora Gonzaga-Nevers im Jahr 1668 erkennen lässt. Byzantinische Themen waren in der Bildenden Kunst am Hof wie auch in der höfischen Oper vertreten.

Eine ganz andere Ebene der Auseinandersetzung mit dem byzantinischen Erbe bildete die Konfrontation mit dem Osmanischen Reich, das sich selbst in der Nachfolge des Byzantinischen Reiches sah. Denn die Sultane residierten nicht nur seit 1453 in der Kaiserstadt Konstantinopel, sondern erhoben auch den Anspruch auf den kaiserlichen Rang, den sie ihrerseits den Habsburgern bis ins 17. Jahrhundert verweigerten. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verschoben sich die militärischen Kräfteverhältnisse signifikant. Nunmehr geriet das Osmanische Reich in die Defensive, und zeitweise wurde die Erneuerung eines Byzantinischen Reiches am Bosporus ins Auge gefasst, wie beim „Griechischen Projekt“ Katharinas II. von Russland in den 1780er-Jahren.

Fraglos in byzantinischen Traditionen stand die orthodoxe Kirche. Auch auf dieser Ebene boten sich für frühneuzeitliche Herrscher Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Auseinandersetzung mit dem byzantinischen Erbe – am offensichtlichsten für die Moskowiter Zaren, wenn sie aus der Translatio Imperii vom Zweiten auf ein Drittes Rom scheinbar ihren Anspruch auf die Nachfolge der Byzantinischen Kaiser ableiteten, aber auch für diejenigen westeuropäischen Mächte, die Herrschaft über orthodoxe Bevölkerungsteile ausübten, wie die Republik Venedig seit dem 13. Jahrhundert oder das Habsburgerreich v.a. seit den 1680er-Jahren. Der Anspruch des Patriarchen von Konstantinopel, „Ökumenischer Patriarch“ zu sein, stellte für die Römische Kurie immer noch eine ärgerliche Beeinträchtigung des päpstlichen Primats dar, während der Patriarch umgekehrt von protestantischen Fürsten und ihren Theologen als potentieller Verbündeter gegen Rom wahrgenommen werden konnte.

Die Tagung strebt an, diese und andere Dimensionen der Auseinandersetzung frühneuzeitlicher Höfe bis zum Ende des 18. Jahrhunderts mit Byzanz und seinem Erbe auszuloten. Untersuchungsgegenstände könnten dabei sein:

- die unterschiedlichen Formen (Bildende Künste, Oper, Literatur etc.) der Herrschafts-repräsentation und Propaganda

- Wissen über Byzanz

- Einflüsse der Byzanz-Rezeption auf die konkrete Politik

 

Die Tagung findet vom 10.-12. November 2022 statt.


Mitarbeit

Univ.-Prof. Dr. Jan Kusber

Univ.-Prof. Dr. Klaus Pietschmann

Prof. Matthias Schnettger