Illustrationen zur Kriegstechnik in byzantinischen Handschriften: Transfer und Adaption antiken Wissens in Byzanz

Das Dissertationsthema »Die Illustrationen zur Kriegstechnik in byzantinischen Handschriften: Transfer und Adaption antiken Wissens in Byzanz« beschäftigt sich vor allem mit technischen Zeichnungen von Belagerungsgeräten und Artillerie in Handschriften des 10. und 11. Jhs., die den antiken poliorketischen Korpus überliefern.

Dieser besteht aus den Werken der Autoren Athenaeus (1. Jh. v. Chr.), Biton (3. Jh. v. Chr.), Heron von Alexandria (1. Jh. n. Chr.), Apollodoros von Damaskus (1. Jh. n. Chr.) und Philon von Byzanz (3.-2. Jh. v. Chr.) und umfasst genauer ausgedrückt zwei literarische Genres: Die Belopoiika, die sich mit der Konstruktion von Katapulten und anderen Geschossen beschäftigen, und die Poliorketika, in denen vor allem Belagerungstechniken und -geräte beschrieben werden. Zu den Handschriften, welche diesen Korpus überliefern zählen der Par. suppl. gr. 607 (10. Jh.), die Handschriften Vat. gr. 1164, Par. gr. 2442 und Scor. Y-III-11, (11. Jh.) und die etwas jüngeren Fragmente des Vind. phil. gr. 120 (14. Jh.). Außerdem gibt es die Paraphrase Parangelmata Poliorketika eines Anonymus Byzantinus, der manchmal auch als "Heron" von Byzanz oder Pseudo-Heron bezeichnet wird. Diese basiert auf den Texten und Illustrationen des antiken poliorketischen Korpus. Ihre Entstehung wird in das 10. Jh. datiert. Die in das 11. Jh. datierte Handschrift Vat. gr. 1605 ist ebenfalls mit vielen Illustrationen versehen.
Der Fokus des Themas liegt auf Fragestellungen bezüglich der Entwicklung der Bildtradition der in den Poliorketika und Belopoiika enthaltenen technischen Zeichnungen, zu denen meist zwei unterschiedliche Varianten erhalten sind. In der bisherigen kunsthistorischen Forschung zu diesen Illustrationen lag der Schwerpunkt meist auf der Suche nach dem antiken Archetypus bzw. Fragen nach dem Quellenwert der handschriftlichen Bilder. Allerdings wurde dabei die Entwicklung unterschiedlicher Bildvarianten im antiken poliorketischen Korpus meist ignoriert. Nur die Illustrationen der Paraphrase wurden als Weiterentwicklung wahrgenommen.

Ein Ziel des Dissertationsprojekts ist es also die Illustrationen als Zeugnisse wissenschaftlich-technischer Buchmalerei der mittelbyzantinischen Zeit und ihrer Funktion als visuelles Medium zur Vermittlung von Wissen über antike Poliorketik und sonstige Kriegstechnologie zu untersuchen. Wie entwickelte sich die technische Zeichnung in Byzanz und welche Rolle spielte sie? Repräsentieren die unterschiedlichen Bildvarianten unterschiedliche Illustrationsmethoden, eine ältere und eine jüngere? Oder erfüllen die Methoden verschiedene Zwecke, sprechen z.B. unterschiedliche Betrachter an?
Fragestellungen um den historischen Kontext dieser Illustrationen und Handschriften müssen auch berücksichtigt werden, nicht nur im Bezug darauf wie visuelle Wissensvermittlung von Kriegstechnologie bzw. Mechanik im Allgemeinen zu dieser Zeit funktionierte, sondern auch, wer die Leser solcher Texte waren, welche Rolle solche Handschriften in der byzantinischen Kriegskultur besaßen und inwiefern vorgesehen war, das in den Handschriften enthaltene Wissen in die Praxis umzusetzen. Inwieweit hatten vor allem die antiken Techniken noch eine Relevanz in der byzantinischen Kriegstechnologie? Dies soll anhand von anderen Text- und Bildquellen untersucht werden.

Eine weitere große Frage ist inwiefern die kriegstechnischen Handschriften aus Byzanz als formales Vorbild für westliche Maschinenbücher, die vor allem im 14. und 15. Jh. entstanden, gedient haben könnten. Die Entwicklung der technischen Zeichnung in Italien und Deutschland im Spätmittelalter ist vergleichbar mit der Entwicklung in Byzanz, doch ist bisher unklar auf welche Traditionen genau die westlichen Ingenieure aufbauten und ob darunter auch byzantinische Handschriften waren. Es deutet vieles darauf hin, dass die Handschrift Vat. gr. 1605 bereits vor der Zeit des Humanismus ihren Weg in den Westen fand und ihr möglicher Einfluss auf westliche Kriegstechnologie, wozu es in der Forschung bereits interessante Hypothesen gibt, soll auch weiter untersucht werden. Somit sollen viele unterschiedliche Bereiche, in denen die byzantinischen Illustrationen zur Kriegstechnik als Vermittler antiken Wissens gedient haben könnten, behandelt werden.

 

Betreuung:

Prof. Dr. Ute Verstegen (Erlangen), Prof. Dr. Johannes Pahlitzsch (Mainz)

Förderung:

DFG (GRK 2304)

 

 

 


Heron von Alexandria, Belopoiika, Konstruktionszeichnung eines Geschützes im Par. Gr. 2442, fol. 76v, 12. Jh. (Foto: Wikimedia Commons).

Heron von Alexandria, Belopoiika, Konstruktionszeichnung eines Geschützes im Par. Gr. 2442, fol. 76v, 12. Jh. (Foto: Wikimedia Commons).

Mitarbeit

Katharina Schoneveld M.A.

Säule
A. Kulturwandel und Kulturkontinuität