Jörg von Nürnberg: Geschicht von der Turckey

Jörg von Nürnberg war ein deutscher Geschützgießer, der 1460 in Bosnien in osmanische Gefangenschaft geriet, wobei ihn Sultan Mehmed II. sofort in seine Dienste nahm. 1480 konnte er sich von Alexandria aus mit venezianischen Kaufleuten nach Italien absetzen. Bald darauf trat er in die Dienste Papst Sixtus IV. Der Tod Mehmets II. 1481 veranlasste ihn offenbar zur Abfassung einer knappen Darlegung seiner Erlebnisse bei den Osmanen und seiner Kenntnisse über ihren legendären Ursprung, ihre Geschichte bis hin zu Mehmet II., zudem über seine unter diesem Sultan miterlebten Feldzüge, aber auch über Religion, Brauchtum und die Behandlung von Gefangenen bei den Osmanen. Der kleine 8-Blatt zählende Erstdruck, singulär in der deutschen Literatur, erschien dann in verbesserter Form in Nürnberg 1496 und nochmals, im Anhang erweitert, 1500. Seine lebhafte Rezeption bezeugt u.a. die Aufnahme größerer Abschnitte in die Türkische Chronica des Johannes Adelphus (Straßburg 1513). Wiederholt wurde von Byzantinisten (A. A. Vasiliev, 1935, und A. Pertusi, 1976), aber auch von Spätmediävisten, Historikern der Frühen Neuzeit, Germanisten und Osmanisten der Quellenwert dieses für seine Zeit bemerkenswerten Textes aus der Feder eines der eher wortkargen Spezialisten hervorgehoben.

Rezeptionsgeschichtlich ist er für die Thematik vor allem wegen der Besonderheit der Perspektive seiner Wahrnehmung der Zeit Mehmets II. (und ihrer Vorgeschichte) von großem Interesse, die er teils aus Autopsie, teils aufgrund ihm bekannt gewordener mehr oder weniger legendärer Informationen beschrieben hat. Genauer gesagt aus zwei Gründen: 1. Seine historischen – auf Legenden, diversen Erzählungen und Selbsterlebtem beruhenden Abschnitte betreffen die Entstehungszeit des osmanischen Emirats im byzantinischen Nordwest-Kleinasien und das Verhältnis der Türken zu den Griechen bzw. den Christen in allen Gebieten, die von der Expansion der Osmanen betroffen sind: Er berichtet mehrfach und unterschiedlich intensiv vom Balkan in der Zeit der osmanischen Eroberungen (also von den byzant. Restgebieten Byzanz/Konstantinopel und Peloponnes; dann bestimmten Ägäisinseln, darunter Lesbos und Negroponte/Euböa, aber auch den Nachbargebieten der Byzantiner: Albanien, Bulgarien, Makedonien, Walachei, Krim, und besonders ausführlich von Serbien und Bosnien. 2. Er bezieht die religiösen Differenzen und das islamische Brauchtum der Osmanen mit ein. Außerdem ist es wichtig, die Wirkung einer Quelle wie dieser im Vergleich zu anderen Berichten seiner Zeit unter Berücksichtigung der Intention ihres Autors herauszuarbeiten.

Das Vorgehen bei der Projektarbeit wird so strukturiert sein: In Fortführung bzw. auf der Grundlage schon vorliegender eigener Vorarbeiten (s. auch Lit.) wird nach einer forschungsgeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Einleitung der Text anhand der ersten beiden Auflagen ediert, dazu eine neuhochdeutsche Übersetzung samt Kommentar angefertigt und abschließend der Wirkungsgeschichte bzw. Rezeption dieses Werks im Kontext der Turcica/Türkenliteratur ausführlich nachgegangen.


Publikationen

  • K. Döring, Rhetorik und Politik im 15. Jahrhundert. Die "Türkenreden" und ihre Verbreitung im Druck, in: Rhetorik in Mittelalter und Renaissance. Konzepte - Praxis - Diversität, hrsg. von G. Strack und J. Knödler, München 2011, 429-453.
  • Dies., Türkenkrieg und Medienwandel im 15. Jahrhundert, Husum 2013.
  • G. Prinzing, Zu Jörg von Nürnberg, dem Geschützgießer Mehmets II., und seiner Schrift "Geschicht von der Turckey", in: N. Asutay-Effenberger, U. Rehm (Hrsg.), Sultan Mehmed II.. Eroberer Konstantinopels - Patron der Künste. Köln, Weimar, Wien 2009, 59-76.

Mitarbeit

Dr. Karoline Döring

Univ.-Prof. Dr. Günter Prinzing

Säule
C. Wirkung und Rezeption