Kirchenrecht und Historiographie als Verbreitungswege ostkirchlicher Normen im Frankenreich: Collectio Vetus Gallica und Liber Historiae Francorum

Die älteste im Frankenreich entstandene Kirchenrechtssammlung, die Collectio Vetus Gallica, wird seit ihrer Identifikation, Erschließung und Edition durch Hubert Mordek vor allem als Zeugnis für "Kirchenrecht und Reform" im merowingischen und frühkarolingischen Frankenreich ausgewertet. Das Projekt schließt daran an, nimmt aber erstmals die bisher weniger beachteten Begleittexte in den Blick, die im zweiten Viertel des 8. Jahrhunderts, also in der politisch wichtigen Zeit des Übergangs vom merowingischen auf das karolingische Königtum, im nordfranzösischen bzw. neustrischen Kloster Corbie gemeinsam mit der Sammlung redigiert und vom Kloster aus nicht als Einzelstücke, sondern in einem umfangreichen Ensemble paränetischer und kirchenrechtlich relevanter Texte in weite Teile des Frankenreichs vermittelt wurden.
Zu den (kirchen-)rechtsgeschichtlich bedeutsamsten Stücken dieses Überlieferungskomplexes gehört das Protokoll der Synode, die im Jahr 721 unter Leitung des griechischstämmigen Papstes Gregor II. stattgefunden und erstmals das in der Ostkirche normierte Ehehindernis der geistlichen Verwandtschaft für die lateinische Kirche rezipiert hatte. Mit dem nur wenige Jahre später ebenfalls im nordfranzösisch-neustrischen Zentrum des Frankenreichs entstandenen Liber Historiae Francorum (726/727) existiert ein erstaunlich frühes historiographisches Zeugnis für die Kenntnis dieses Ehehindernisses, dessen zeitliche und räumliche Nähe zur römischen Synode und ihrer fränkischen Überlieferung weder in kirchenrechtsgeschichtlicher noch in historiographiegeschichtlicher Perspektive diskutiert worden ist. Das Projekt wird die damit verbundenen Fragen unter drei einander ergänzenden Perspektiven aufgreifen:

1. Ein Dissertationsprojekt von Frau Helena Geitz M.A. untersucht Überlieferung, Inhalt und Rezeption der im Kontext der Vetus Gallica  überlieferten paränetischen und kirchenrechtlichen Texte und erarbeitet für einzelne, darunter die spezielle Version des römischen Synodalprotokolls von 721 und das wenig ältere Capitulare Papst Gregors II. für Bayern, erstmals eine kritische Edition.

2. Ein Postdoc-Projekt von Dr. Roland Zingg erforscht Kontext, Voraussetzungen und Rezeption des historiographischen Narrativs zum Ehehindernis der geistlichen Verwandtschaft im Rahmen einer Untersuchung zu Überlieferung und Redaktion des Liber Historiae Francorum.

3. Wolfram Brandes wird aus byzantinistischer Perspektive mögliche Vermittlungswege und Rezeptionen des Ehehindernisses im Frankenreich vor der Synode des Jahres 721 in den Blick nehmen.


Leitung

Univ.-Prof. Dr. Ludger Körntgen

Prof. Dr. Wolfram Brandes

Mitarbeit

Helena Geitz M.A.

Dr. Roland Zingg

Prof. Dr. Wolfram Brandes

Säule
B. Kulturkontakte und Kulturtransfer