TSP Contact and Discourse within Christianity

Byzanz, der Lateinische Westen und die slawische Welt

Auch nach dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 n. Chr. blieb die enge Anbindung des Westens an das Oströmische bzw. Byzantinische Reich bestehen. Rom, Ravenna und vor allem Süditalien standen lange Zeit unter byzantinischer Oberhoheit und dem Papsttum kam weiter eine führende Rolle in der Reichskirche zu. Neben wirtschaftlichen und politischen waren vor allem kirchliche Beziehungen von Bedeutung. Zu nennen sind hier diplomatische Aktivitäten der lateinischen und orthodoxen Kirche, die zunehmenden Kontroversen über theologische, jurisdiktionelle sowie liturgische Fragen oder der rege künstlerische Austausch. Die Kreuzzüge führten schließlich auf kirchlicher Ebene zur endgültigen Ausbildung und Verfestigung des Schismas zwischen lateinischer und griechisch-orthodoxer Kirche, wodurch sich die Auseinandersetzungen, der Kontakt und Austausch mit der römischen Kirche jedoch noch verstärkten.

Kirchliche Kontakte stellten somit eine grundlegende Konstante in den Beziehungen zwischen Byzanz und dem lateinischen Westen dar. Gleiches lässt sich für die slawische Welt feststellen. Seit dem Eindringen der ersten slawischen Gruppierungen in den Balkan im 6. Jahrhundert musste sich Byzanz mit ihnen in einem lang andauernden Prozess kultureller und religiöser Assimilation auseinanderzusetzen. Die Schwächung des byzantinischen Reiches durch die lateinische Expansion und den Aufstieg der Osmanen im 14. und 15. Jahrhundert förderte die slawischen Unabhängigkeitsbestrebungen zunächst, doch nach der Eroberung Konstantinopels 1453 geriet auch der gesamte Balkan unter osmanische Herrschaft. Doch vollzogen sich die Rezeption und das Fortleben der byzantinischen Kultur weit über das Ende des Byzantinischen Reiches hinaus, wobei die orthodoxe Kirche bei der Weitervermittlung byzantinischer Kultur eine entscheidende Rolle spielte. Dies zeigt sich in besonderer Weise auch im 19. und 20. Jahrhundert.

Ziel des Forschungsvorhabens ist eine interdisziplinäre, vergleichende Untersuchung zu Formen, Praktiken und Diskursen interkulturellen Austausches zwischen Byzanz und der lateinischen und slawischen Welt. Dabei wird auf den Bereich der Kirche als Institution fokussiert, da hier besonders intensive Beziehungen sowohl mit dem lateinischen Westen als auch mit der slawischen Welt über einen langen Zeitraum existiert haben. Darüber hinaus nahm die Kirche auf weitere Bereiche wie beispielsweise den politischen, sozialen, kulturellen oder künstlerischen Bereich erheblichen Einfluss und hatte dadurch eine besondere Stellung im interkulturellen Kontakt inne.

Die Intensität des Austausches wird vergleichend an verschiedenen Fallbeispielen in verschiedenen Regionen und Epochen untersucht. Dafür wurde eine interdisziplinär ausgerichtete Gruppe eingerichtet, in der 14 Fallstudien durchgeführt werden, welche thematisch in drei Arbeitsgruppen organisiert sind. Auf der Grundlage sowohl schriftlicher als auch archäologischer bzw. bildlicher Quellen stehen dabei fünf konkrete Aspekte im Vordergrund:

  • Formen und Dynamiken des Kontakts: Beabsichtigt ist eine genaue Differenzierung der Kontaktsituation, die wiederum Aussagen über Handlungsspielräume und Interessen der beteiligten Gruppen zulassen. Auf welchen Wegen, aus welchen Anlässen, zu welchem Zweck und mit welchen Intentionen fand der Kontakt zwischen welchen Gruppen statt?
  • Medien des Kontakts: Handelt es sich um orale Kommunikation, schriftliche Texte, Kunstwerke oder andere Artefakte?
  • Transfer von Wissen übereinander: Über welches Wissen vom anderen verfügte man im Bereich der Kirchengeschichte, in der Theologie, in liturgischen oder kirchenrechtlichen Fragen oder auf dem Gebiet der Kunst? Worauf basierte dieses Wissen, wie wurde es konstruiert, wie war es abrufbar, wie wurde es eingesetzt?
  • Identitätsbildung. Wie wurde die religiöse Identität der Byzantiner, Slawen oder Lateiner im Diskurs mit den Anderen konstruiert (s.o.), wie wurde diese Konstruktion über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten bzw. an sich verändernde Umstände angepasst? Welche Rolle spielte die Kirche bei der gruppenspezifischen Identitätsbildung?
  • Umgang mit diesen Phänomenen in der Rezeption: Wie wurden ältere Konzepte und Vorstellungen in der nachbyzantinischen Zeit wahrgenommen, aufgegriffen, umgeformt und für neue Zwecke instrumentalisiert?

Von übergreifender Bedeutung für das Vorhaben ist die Frage nach dem Wert und der Funktionalisierung von Wissen und Identität: Welchen Wert und welche Funktion hatten die Ansammlung und Konstruktion von Wissen? Welche Bedeutung kam gerade der religiösen Identität im Kontakt mit dem lateinischen Westen und der slawischen Welt zu? Welches Verhältnis bestand zwischen religiöser Identität und der Entstehung von regionalen oder auch transregionalen Ordnungen und Ordnungsentwürfe?

Eine Sitzung des Konzils von Florenz und die Rückkehr der griechischen Delegation. Detail einer Bronzetür von St. Peter (Rom) von Filarete (Antonio di Pietro Averlino), ca. 1440 (Abb.: A. Pinelli, La Basilica di San Pietro (Modena 2000), S. 261).