Arbeitsgruppe Religiöse Praxis und kulturelles Wissen
Die Projekte dieser Arbeitsgruppe widmen sich Fragen der religiösen Praxis und des kulturellen Wissens. Ausgehend vom spätantiken Imperium Romanum liegt ihr geografischer Schwerpunkt in Mittel- und Westeuropa.
In den Fokus unserer Forschungsarbeit rücken Regionen und Kulturen außerhalb des Byzantinischen Reiches. Die Hauptaspekte des Themenschwerpunkts – Form, Dynamik und Medien des interkulturellen Kontakts, Mechanismen des Wissenstransfers sowie Auswirkungen auf gruppenspezifische religiöse Identitäten – werden daher von einer anderen Perspektive aus analysiert als in den Projekten der übrigen Arbeitsgruppen. Der Betrachtungszeitraum der Arbeitsgruppe setzt mit dem Beginn der Heiligenverehrung im zweiten Jahrhundert ein und erstreckt sich über die Karolingerzeit bis ins Spätmittelalter. Die einzelnen Studien setzen dabei unterschiedliche chronologische Schwerpunkte.
Von grundlegender Bedeutung sind Fragen über den Austausch zwischen dem frühen Byzanz und dem Westen: Welche Wirkung entfalteten die transferierten Medien? Welches Wissen über Byzanz wurde mit ihnen zusammen in den Westen vermittelt? Hierdurch sind auch Rückschlüsse auf die wechselnde Wahrnehmung des Byzantinischen Reiches durch den Westen möglich. Zugleich wird, wenn auch weniger intensiv, die umgekehrte Richtung des Austausches vom Westen nach Byzanz betrachtet werden. Dabei spielen die Wege und Akteure der Vermittlung und Überführung eine große Rolle.
Den Ausgangspunkt bilden die frühe Heiligenverehrung aus der Perspektive einer noch „geeinten“ Kirche und die unterschiedliche Bedeutung dieser Heiligen in Ost und West. Hierzu werden die hagiographische Literatur und deren Übersetzungen sowie die Entwicklung einzelner Kulte näher betrachtet. Der anschließende Prozess der „Entfremdung“ im kirchlich-religiösen Bereich wirft die Frage auf, welche („Import“-)Heiligen im Westen überhaupt noch verehrt wurden. Von Interesse ist hierbei auch, ob bestimmte Personengruppen bevorzugt wurden, zumal die lokale Heiligenverehrung besonders in Gallien zunehmend an Bedeutung gewann. Rom rückte dabei als religiöser Referenzpunkt zunehmend in den Mittelpunkt. Die Hagiographie des Frankenreichs soll dabei nicht nur als Quelle für Entwicklung und Wandel der Heiligenverehrung genutzt werden. Zu fragen ist vielmehr auch, inwieweit hagiographische Überlieferungen gerade im Rahmen zunehmender Entfremdung des Westens von der religiösen Praxis und Kultur des Ostens als Wissensspeicher dienten, die Namen, Begriffe, Einrichtungen und Praktiken der Ostkirche ohne Einbettung in komplexere kulturelle Zusammenhänge gleichsam wie archäologische Artefakte bewahrten und weiter vermittelten.
Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung im Bereich der Liturgie besonders aufschlussreich. Unsere Arbeitsgruppe beinhaltet daher auch Projekte zur Tradition und Nutzung von liturgischen Gerätschaften in Ost und West sowie zur Musik und Musizierpraxis unter besonderer Berücksichtigung der Orgel als Instrument im sakralen wie profanen Bereich.
Projekte
Beteiligte:
- Michelle Beghelli M.A.
- Dr. Jörg Drauschke
- Prof. Dr. Heike Grieser
- Prof. Dr. Ludger Körntgen
- Prof. Dr. Klaus Pietschmann
- Dipl.-Theol. Katharina Reihl
- Susanne Rühling M.A.
- Dr. Roland Zingg